{"id":360,"date":"2020-10-24T10:00:08","date_gmt":"2020-10-24T08:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/diepflege.org\/?p=360"},"modified":"2020-10-24T11:39:47","modified_gmt":"2020-10-24T09:39:47","slug":"blutspenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diepflege.org\/?p=360","title":{"rendered":"Blutspenden"},"content":{"rendered":"\n<h4>Gastbeitrag von <em>Nerd Mommy<\/em><\/h4>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich klarstellen, dass es sich in dem Beitrag um meine pers\u00f6nliche Sichtweise handelt. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit. Des Weiteren bin ich keine Transfusionsmedizinerin und keine H\u00e4matologin, werde also die medizinischen Informationen nur nach bestem Wissen und Gewissen mit dem Hintergrund meiner eigenen Ausbildung darstellen k\u00f6nnen. Ich bin Fach\u00e4rztin f\u00fcr P\u00e4diatrie und arbeite seit Jahren auf der neonatologischen bzw. Kinderintensivstation. Aus diesem Grund komme ich regelm\u00e4\u00dfig in die Situation, \u201eFremdblutmaterial\u201c verabreichen zu m\u00fcssen. Darunter fallen diverse Blutprodukte, in diesem Beitrag der Einfachheit halber aber zumeist \u201eBlutkonserven\u201c genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Blutspenden retten Leben. Das ist v\u00f6llig unstrittig. Es gibt chronische Krankheitsverl\u00e4ufe, die eine Transfusion lebensnotwendig machen, sowie akute Erkrankungen, Unf\u00e4lle oder auch eine geplante oder ungeplante Operation. Soll hei\u00dfen, es kann wirklich JEDEN von uns treffen. Das hei\u00dft aber auch, es besteht eben ein gro\u00dfer Bedarf an Konserven. Leider kann die Medizin bislang keine (korrigiert mich gern, ich habe bislang keine derartigen Studien gelesen) synthetischen Blutprodukte herstellen, so dass f\u00fcr die Deckung des Bedarfes nach wie vor eine Blutspende notwendig ist. Erfreulicherweise gibt es bislang viele freiwillige Spender. Sei es, aus rein moralischem Pflichtgef\u00fchl, oder aus monet\u00e4ren Gr\u00fcnden (der ein oder andere von uns hat wohl schon einmal f\u00fcr die \u201eAufwandsentsch\u00e4digung\u201c an manchen Blutspendeeinrichtungen gespendet). Oder, wie ich k\u00fcrzlich<br>lernte, um einen Tag Sonderurlaub bei der Bundeswehr zu bekommen. <\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig egal, Spende ist Spende, und das ist sehr l\u00f6blich und wir (Mediziner und Patienten) sind zu Dank verpflichtet. In der letzten Zeit scheint es (ich verlasse mich hier auf die R\u00fcckmeldung unserer hausinternen Blutbank) zu immer gr\u00f6\u00dferen Engp\u00e4ssen zu kommen. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind mit einiger Gewissheit auch in der derzeitigen Corona-Pandemie zu suchen, allerdings ist es nat\u00fcrlich in dem Moment auch nicht hilfreich, wenn \u201eEnth\u00fcllungsreportagen\u201c von Team Wallraff und Co. ver\u00f6ffentlicht werden, die die Bereitwilligkeit weiter drosseln, da im DRK nun auch ein \u201eVerbrecherverein\u201c gesehen wird. Ich habe den Bericht nicht gesehen, aber auch ohne das getan zu haben wei\u00df ich, dass das DRK kein Verein von Engeln auf Erden ist. Bislang kann ich aus meiner eigenen Erfahrung aber nur sagen, dass mit den Blutspenden sehr gewissenhaft und patientenorientiert verfahren wird\/wurde. Und wer das DRK gern boykottieren m\u00f6chte, kann ja auf die Unikliniken oder weiteren Anlaufstellen der Region ausweichen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-twitter wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\"><p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Bevor wir alle gleich schlafen gehen, noch eine Bitte:<br><br>Geht <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Blutspenden?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Blutspenden<\/a>!<br><br>Es fehlen Konserven an allen Ecken und Enden. Wir klauben uns derzeit aus allen umliegenden Zentren etwas zusammen, um ein kleines Kind stabil zu halten. Es fehlt \u00fcberall. <br><br>Wer kann gehe bitte spenden \ud83d\ude4f<\/p>&mdash; nerd mommy (\ud83c\udfe5) (@mommyisanerd2) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/mommyisanerd2\/status\/1319361924870639617?ref_src=twsrc%5Etfw\">October 22, 2020<\/a><\/blockquote><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Mein Tweet, mit der Bitte zum Blutspenden, ist tats\u00e4chlich ein Impuls gewesen, der quasi aus der eigenen Not entstanden ist. Wir haben derzeit ein sehr instabiles Kind auf unserer Station, welches fast t\u00e4glich auf ein, oder mehrere, Konserven angewiesen ist. Gestern habe ich in der Blutbank eine weitere eilige Konserve bestellen wollen, und die Antwort bekommen \u201eWir haben keine, in Hagen und Breitscheid (DRK West) sind keine kompatiblen Konserven mehr vorhanden. Wir telefonieren bereits quer durch NRW.\u201c Dazu sei gesagt, dass das Kind keine au\u00dfergew\u00f6hnliche Blutgruppe hat. Da ich nun einige Follower auf Twitter habe, hatte ich den Aufruf gesendet, um vielleicht ein bisschen Aufmerksamkeit zu bewirken, und vielleicht den Ein oder Anderen zum Spenden zu bewegen. Dank zahlreicher Retweets (Danke hierf\u00fcr!) habe ich auch ein bisschen Reichweite erzeugen k\u00f6nnen. Allerdings haben mich die Antworten doch ein bisschen nachdenklich gestimmt. Denn der Tenor lautete \u00fcberwiegend \u201eIch w\u00fcrde ja spenden, aber ich darf nicht.\u201c Und das durchaus auch in, sagen wir mal, nicht ganz so freundlichem Tonfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal ein paar grundlegende Informationen. Nicht der Arzt in der Klinik entscheidet \u00fcber die Zul\u00e4ssigkeit eines Spenders, sondern die Bundes\u00e4rztekammer. (1) Das ist im Transfusionsgesetz \u00a75.1 klar geregelt (2). Es bringt also wenig, einen akuten Spendeaufruf eines Klinikarztes mit \u201eDann \u00e4ndere die Zulassungsbestimmungen zur Blutspende!\u201c zu kommentieren, denn das k\u00f6nnen wir nicht. Auch wenn wir wollten. Und das wollen die Meisten von uns, denke ich. Wer die genaue Liste der Ausschlusskriterien einsehen m\u00f6chte, kann dies problemlos tun (1). Diese Liste kommt auf der Basis einer Risikoanalyse zustande. Hier wird nach Studienlage f\u00fcr bestimmte Vorerkrankungen, Rahmenbedingungen, Bev\u00f6lkerungsgruppen etc. ein Risikoprofil erstellt. Und um die Sicherheit der Empf\u00e4nger UND der Spender zu gew\u00e4hrleisten, werden viele Personen entweder tempor\u00e4r, oder in einigen F\u00e4llen dauerhaft von der Spende ausgeschlossen. Ein simples Beispiel f\u00fcr den Schutz des Empf\u00e4ngers ist die Infektion. Ist ein gewillter Spender HIV positiv, ist er von der Spende ausgeschlossen, um die \u00dcbertragung zu verhindern. Leuchtet ein. Das Argument \u201eEs werden eh alle Konserven getestet\u201c zieht im \u00dcbrigen nur bedingt, da kein Test fehlerfrei ist, und es ein Restrisiko f\u00fcr unentdeckte Infektionen gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr den Schutz des Spenders ist die An\u00e4mie. Wo kein Blut ist, kann auch keins gespendet werden. Auch soweit einleuchtend. Und dann gibt es einige Punkte, die auf den ersten Blick nicht so einleuchtend erscheinen, es aber mit Kenntnis des Hintergrundes dann doch sind. Die lebenslange Sperrung bei Aufenthalt in den UK zwischen 1980 und 1996 zum Beispiel. Wieso das? Die \u00e4lteren Generationen werden sich noch an den BSE-Ausbruch dort erinnern. Nun, der Konsum infizierten Tierfleisches steht im Verdacht, bei Menschen die vCJD Erkrankung auszul\u00f6sen. Diese ist nicht heilbar, hat eine extrem lange Inkubationszeit und endet stets t\u00f6dlich. Der Krankheitsverlauf ist zudem wirklich furchtbar. In der Theorie k\u00f6nnte also jeder, der w\u00e4hrend des o.g. Zeitraums in den UK gewohnt hat, diese Krankheit noch in sich tragen, und weitergeben k\u00f6nnen. Ein Bluttest auf Prionen (Ausl\u00f6ser der Erkrankung) ist derzeit in Erforschung, aber (meines Wissens) noch nicht validiert, und auch nicht massenhaft einsetzbar. Macht also irgendwie dann doch Sinn, wenn man dr\u00fcber nachdenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Streitpunkt. Der Ausschluss von Berufsgruppen (Sexarbeiter*innen) und den sogenannten \u201eMsM\u201c Homosexuellen mit \u201esexuellem Risikoverhalten\u201c. MsM in diesem Kontext bedeutet, M\u00e4nner, die Geschlechtsverkehr mit M\u00e4nnern haben. Der Vollst\u00e4ndigkeit halber soll hinzugef\u00fcgt werden, dass auch Hetero- und Transsexuelle mit \u201eh\u00e4ufig wechselnden Partnern\u201c oder \u201esexuellem Risikoverhalten\u201c ausgeschlossen werden (tempor\u00e4r). Das klingt zun\u00e4chst einmal nach einem Schlag ins Gesicht f\u00fcr die LGBTQ- Community und wenig nachvollziehbar. Die Frustration in den Tweets ist absolut nachvollziehbar und ich m\u00f6chte diesen Ausschluss auch in keiner Weise verteidigen. Ich lege gro\u00dfen Wert darauf, dass das klar ist. Ich m\u00f6chte lediglich das Zustandekommen der Regelung erl\u00e4utern, nicht entschuldigen. Wie schon erw\u00e4hnt beruhen die Ausschl\u00fcsse auf einer Risikoanalyse. Die Studienlage legt nahe, dass Analverkehr ein h\u00f6heres Infektionsrisiko f\u00fcr Geschlechtskrankheiten birgt, als vaginaler Verkehr. Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten, so die Theorie, entstehen hier mehr Mikrotraumata, also kleine Gewebeverletzungen, die eine Eintrittspforte f\u00fcr das HI-Virus bilden. Zudem (ich habe keine Studien herausgesucht, berichte also nur, was ich in meiner Virologie-Zeit im Studium gelernt habe) ist die Rate der HIV-positiven in der Gruppe der Homosexuellen M\u00e4nner wohl h\u00f6her, als in der Gesamtbev\u00f6lkerung. Somit verbinden sich in der \u201eMsM\u201c mit \u201esexuellem Risikoverhalten\u201c Gruppe, statistisch gesehen zwei Risiken. Und die Risikoanalyse besch\u00e4ftigt sich eben genau damit, mit Statistiken und Studien.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-twitter wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\"><p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Jip, genau. Ich versteh es auch nicht wirklich, ich werde eh regelm\u00e4\u00dfig durchgecheckt, dazu k\u00e4men hier noch die Kontrollen. Das Risiko bei anderen w\u00e4re deutlich h\u00f6her.<\/p>&mdash; JasminLiebtDich (@DichJasmin) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/DichJasmin\/status\/1319374393429102592?ref_src=twsrc%5Etfw\">October 22, 2020<\/a><\/blockquote><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Leider wird au\u00dfer Acht gelassen, dass auch viele Homosexuelle in Langzeitbeziehungen leben, verheiratet sind, monogam und gesundheitsbewusst leben. Das Sexarbeiter sich (meistens) weit h\u00e4ufiger testen lassen und Gesundheitschecks unterziehen, als es der partyfreudige \u201eNormalb\u00fcrger\u201c mit wechselnden Sexualpartnern und weniger Gesundheitsbewusstsein tut. Es wird in Schubladen gesteckt, und schwarz-wei\u00df klassifiziert. Und das ist immer schwierig und zu hinterfragen. Es bedarf einer Diskussion, keine Frage. Ein Aufruf zur Ab\u00e4nderung der Ausschlusskriterien. Auch daf\u00fcr bedarf es Aufmerksamkeit. Das ist sicher. Es muss eine st\u00e4rkere Lobby f\u00fcr die Betroffenen her, und in der Beratung \u00fcber die Kriterien Geh\u00f6r finden. Es sollte niemand bez\u00fcglich seiner Sexualit\u00e4t in die moralische Zwickm\u00fchle kommen, l\u00fcgen zu m\u00fcssen um Spenden zu d\u00fcrfen. All das unterst\u00fctzen auch viele von uns Medizinern. Das Blut jedes Menschen ist gleich viel Wert, das glaube ich fest und habe das auch bereits mehrfach so ge\u00e4u\u00dfert. Allerdings m\u00f6chte ich bez\u00fcglich meines Tweets von gestern Abend gerne, ohne damit die Wichtigkeit der Thematik zu relativieren, oder b\u00f6ses Blut zu schaffen, Moritz Neumeier zitieren: \u201eJa. Das ist ein wichtiges Argument. F\u00fcr eine andere Diskussion.\u201c Und enden m\u00f6chte ich mit der Wiederholung meines Aufrufes: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Wer von Euch kann und darf: <br>Bitte geht Blutspenden. Wir danken Euch von Herzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">(1)(2)https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/fileadmin\/user_upload\/downloads\/pdf-<br>Ordner\/MuE\/Richtlinie_Haemotherapie_E_A_2019.pdf<br>http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/tfg\/BJNR175200998.html<br>Titelbild:  <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/users\/rdelarosa0-955109\/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=732298\">Robert DeLaRosa<\/a> auf <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=732298\">Pixabay<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Nerd Mommy Zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich klarstellen, dass es sich in dem Beitrag um meine pers\u00f6nliche Sichtweise handelt. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit. 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