{"id":391,"date":"2020-12-09T11:08:04","date_gmt":"2020-12-09T10:08:04","guid":{"rendered":"https:\/\/diepflege.org\/?p=391"},"modified":"2020-12-13T18:33:57","modified_gmt":"2020-12-13T17:33:57","slug":"warum-sichtbarkeit-wichtig-ist-wirsindunbequem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diepflege.org\/?p=391","title":{"rendered":"Warum Sichtbarkeit wichtig ist #WirSindUnbequem"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieser Post ist in erster Linie in eigener Sache. In dieser Woche ist Einiges passiert. Eine unserer Mitarbeiterinnen hatte wegen ihrer \u00d6ffentlichkeitsarbeit gro\u00dfen \u00c4rger. Eine langj\u00e4hrige Freundin berichtete mir, dass sie laut ihrem Arbeitsvertrag &#8211; bei einem privaten, nicht-kirchlichen Tr\u00e4ger &#8211; \u00fcberhaupt nicht demonstrieren d\u00fcrfe. Nebenbei verh\u00e4ngte Sachsen als erstes Bundesland einen durchgreifenden Lockdown und verteilte Christstollen ans Pflegepersonal. Kollegen*innen k\u00f6nnen wegen Quarant\u00e4ne ihrer schulpflichtigen Kinder nicht arbeiten. Gleichzeitig rei\u00dft die Querdenker-Welle nicht ab, die der Gesamtbev\u00f6lkerung und auch uns mit allen K\u00fcnsten missverstandener Statistik vorrechnet, dass alles gar nicht so schlimm sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerne &#8211; sehr gerne sogar &#8211; k\u00f6nnte man jeden Punkt und jedes Komma, die geschrieben und gesagt wurden, nach allen Niedertr\u00e4chtigkeiten absuchen, analysieren und ein Tantrum von apokalyptischer Lautst\u00e4rke verfassen. Aber was bringt das? Reden wir mal lieber \u00fcber Sichtbarkeit<\/p>\n\n\n\n<h3>Die unsichtbaren Engel in Wei\u00df<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie bezeichnend, ja, wie ironisch, dass es sich selbst ein Autor wie Kafka nicht besser h\u00e4tte ausdenken k\u00f6nnen: Liliane Juchli, die Gr\u00fcnderin des Modells der Aktivit\u00e4ten des T\u00e4glichen Lebens, verstirbt im &#8222;Year of the Nurses and Midwifes&#8220; an einer Covidinfektion. Es klingt wie ein schlechter Witz. So schlecht in der Tat, dass es fast keine Nachrufe gab! Nach intensivem Googeln findet man einen Artikel in einer Aargauer Zeitung &#8211; dem Kanton der Schweiz in dem Sr. Liliane lebte. Das war&#8217;s. Jetzt wei\u00df der normale B\u00fcrger sicher nicht, wer Liliane Juchli ist, aber das trifft auf auch die ungarischen Harfenspieler zu, die in den 1960ern den Literaturnobelpreis bekommen haben (so kommen mir zumindest manche Nachrufe in den Nachrichten vor). <\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Wissen h\u00e4tte sich eigentlich verbreiten k\u00f6nnen. War es vor dem M\u00e4rz 2020 schon falsch, Pflege zu einem Fach zu erkl\u00e4ren, dass sich ausschlie\u00dflich um Alte, Kranke, Gebrechliche, k\u00fcmmert, so h\u00e4tte doch sp\u00e4testens nach dem Schock der ersten Welle klar sein m\u00fcssen: Es kann jeden treffen. Und dann k\u00f6nnte mein Wohlergehen, ja mein Leben, davon abh\u00e4ngen, dass die Pflegeperson an meiner Seite wei\u00df, was sie tut.<\/p>\n\n\n\n<h3>Was tun wir eigentlich<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich kann ein Bett machen, ohne dass der Mensch, der darin liegt, es dazu verlassen muss. Ich kann einen Verband neu machen ohne dabei die Wunde oder die Patientin zu ber\u00fchren. Ja, sogar den Trick mit der Pinzette und der Klammer an der PEG, die immer klemmt bekomme ich hin. Aber bitte lasst mich kein Ikea Regal aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den traditionellen Berufen wei\u00df Otto M\u00fcller aus der Blumenstra\u00dfe was Sache ist. &#8222;Der B\u00e4cker b\u00e4ckt die Breze, der Fleischer w\u00fcrgt die Kuh, der Arzt entfernt die Kr\u00e4tze, mein Kind und was machst Du?&#8220; sang die EAV auf ihrem Album &#8222;Nie wieder Kunst&#8220;. Ja, was machen wir denn eigentlich? Fernsehen an:  Bei in aller Freundschaft und mit kleinen \u00c4rzten wird graue Anatomie betrieben und Pflege kommt entweder gar nicht vor, oder es beschr\u00e4nkt sich aufs Zuh\u00f6ren des Dramas der Woche und im Notfall den Alarmknopf dr\u00fccken. Und Bettpfannen. Viele, viele Bettpfannen! <\/p>\n\n\n\n<p>Otto M\u00fcller wei\u00df, welche sieben Sachen er braucht um einen Kuchen zu backen, aber von den 12 ATLs (= Aktivit\u00e4ten des t\u00e4glichen Lebens) hat er noch nie geh\u00f6rt. Selbstpflegedefizit? Pflegegrad? Das wird alles fr\u00fchestens aktuell, wenn es ihn selbst oder eine*n Angeh\u00f6rige*n betrifft. Bis dahin ist der Antrag von der Krankenkasse ja auch viel zu kompliziert. Mit meiner Fachdisziplin &#8211; Unfallchirurgie \/ Orthop\u00e4die &#8211; l\u00e4sst sich vielleicht noch am ehesten oberfl\u00e4chlich erkl\u00e4ren, was Pflege ist: Denken Sie mal daran, was Sie alles jeden Tag wie selbstverst\u00e4ndlich und ohne dar\u00fcber nachzudenken tun. Und jetzt stellen Sie sich vor, ihre rechte Hand (bei Linksh\u00e4ndern die linke) ist gebrochen. Jetzt der ganze Arm. Jetzt ein Arm und ein Bein, ein Arm und beide Beine. Die Liste wird l\u00e4nger und l\u00e4nger und l\u00e4nger. Von der Morgentoilette \u00fcber das Anziehen, dem Verzehren von Mahlzeiten und dem Entsorgen derselbigen wird die Sache nun pl\u00f6tzlich spannend. <\/p>\n\n\n\n<p>Das waren nur 4 ATLs. Es gibt zw\u00f6lf. Und \u00fcber Prophylaxen in einem Krankenhaus oder Seniorenheimsetting haben wir noch gar nicht geredet. Denn dann m\u00fcssten wir \u00fcber die Person reden, die am R\u00fccken operiert wurde und nur unter Schmerzen minimals gelagert werden kann w\u00e4hrend die bereits vor OP septische Wunde sch\u00f6n vor sich hin sezerniert und den Hautzustand weiter verschlechtert. Diese Person liegt vielleicht im Nebenzimmer desjenigen, der sich bei der Stationsleitung beschwert, warum er nachmittags so lange auf den Kaffee warten muss und warum die hier alle immer so wenig Zeit haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann m\u00fcssten wir vielleicht auch noch \u00fcber die Person sprechen, die unverschuldet und v\u00f6llig gesund in einen Autounfall verwickelt wurde und nun beatmet auf der Intensivstation liegt, bis sich der Zustand nachhaltig bessert. Schon lange vorher sind wir an einem Punkt, an dem Otto M\u00fcller &#8211; ohne ihn daf\u00fcr zu verurteilen &#8211; die Sache nicht mehr selbst aus N\u00e4chstenliebe machen sollte, sondern sich vertrauensvoll an Menschen wenden sollte, die dies beruflich machen, weil sie es k\u00f6nnen und wollen.<\/p>\n\n\n\n<h3>Tacheles<\/h3>\n\n\n\n<p>Unsere Sichtbarkeit, das Image der Pflegeberufe in der \u00d6ffentlichkeit, ist zum Kotzen. Kein Mensch wei\u00df, was wir tun, warum wir notwendig sind &#8211; \u00fcbrigens ein Problem, das wir uns mit den Physiotherapeuten*innen und Ergotherapeut*innen teilen &#8211; f\u00fcr viele sind wir entweder Schwester Stefanie oder die Person, die einfache Arzthelfer- oder Butler-T\u00e4tigkeiten ausf\u00fchrt bis sich die Genesung mit der Zeit von selbst einstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>DARUM brauchen wir Leute, die in die \u00d6ffentlichkeit gehen und im Fernsehen Dinge sagen wie &#8222;Man kann nicht &#8222;ein wenig&#8220; Beatmen, entweder man macht es ordentlich oder man ist bereits im Sterbeprozess&#8220; in einer Art, die der Zuschauer verstehen kann. DARUM braucht es nicht noch mehr Politiker, die in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber uns reden sondern Pflegekr\u00e4fte die im selben Atemzug die Missst\u00e4nde anprangern und gleichzeitig die Vielfalt und das Potenzial unseres Berufs bewerben. DARUM brauchen wir endlich eine Berufsst\u00e4ndische Vertretung (holy f**k, ist das Thema Pflegekammer verbrannt!) und DARUM brauchen wir Pflegende, die auf die Stra\u00dfe gehen und sagen &#8222;Dies und dies fordern wir&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit haben wir den Bogen zum ersten Absatz geschlagen: Egal was Arbeitsvertr\u00e4ge versuchen zu verbieten: Demonstrieren ist ein Grundrecht. Egal ob ich f\u00fcr den Wald, gegen den Klimawandel oder f\u00fcr bessere Pflegepolitik demonstrieren will, weil es ja offensichtlich sonst niemand tut, es ist ein mir vom Grundgesetz der Bundesrepublik zugesichertes Recht! Und ja nat\u00fcrlich wei\u00df ich, wenn ich schlecht \u00fcber meinen Arbeitgeber rede, hat die Konsequenzen und ja, das w\u00e4re dann wirklich eigene Schuld.<\/p>\n\n\n\n<p>Es braucht sowohl Leute, die f\u00fcr den Beruf werben, ihn erkl\u00e4ren als auch Leute, die sagen &#8222;Nein, bis hierher und nicht weiter! Ich bestehe auf geltendes (Arbeits-) Recht! Ich lasse mich nicht ausbeuten und nicht emotional erpressen.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Und an euch liebe Arbeitgeber*innen, die automatisch Muffensau\u00dfen bekommen, wenn ein*e Angestelle*r in der \u00d6ffentlichkeit in welcher Weise auch immer den Mund aufmacht und sei es nur um fachliche Auskunft oder konstruktive , vielleicht harte, Kritik abzugeben: Ihr k\u00f6nnt sie nicht alle abblocken, denn Ihr braucht uns! Wir Pflegekr\u00e4fte wachsen nicht auf B\u00e4umen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind keine Drohnen<br>Wir sind keine Duckm\u00e4uschen<br>Wir leisten gute und professionelle Arbeit<br>Wir verlangen faire Arbeitsbedingungen<br>Wir verlangen Sichtbarkeit<br>Wir sind Unbequem!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Titelfoto: &#8222;Privat&#8220; mit freundlicher Genehmigung der Fotografin. Unkenntlichmachung der Abgebildeten durch uns. Alle Rechte vorbehalten!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h3>Presseschau<\/h3>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.jetzt.de\/gesundheit\/wir-sind-unbequem-pfleger-innen-berichten-ueber-lage-waehrend-coronakrise\" target=\"_blank\">www.jetzt.de\/gesundheit\/wir-sind-unbequem-pfleger-innen-berichten-ueber-lage-waehrend-coronakrise<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/coronavirus\/wirsindunbequem-auf-twitter-ueber-den-pflegenotstand-17093296.html\">www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/coronavirus\/wirsindunbequem-auf-twitter-ueber-den-pflegenotstand-17093296.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.derhauptstadtbrief.de\/unbequem\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.derhauptstadtbrief.de\/unbequem\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wir danken f\u00fcr die Berichterstattung und Unterst\u00fctzung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Post ist in erster Linie in eigener Sache. 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