{"id":557,"date":"2021-03-06T11:12:01","date_gmt":"2021-03-06T10:12:01","guid":{"rendered":"https:\/\/diepflege.org\/?p=557"},"modified":"2021-03-06T14:07:08","modified_gmt":"2021-03-06T13:07:08","slug":"buchrezension-frau-doktor-wo-ich-sie-gerade-treffe-dr-ulrike-koock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diepflege.org\/?p=557","title":{"rendered":"Buchrezension: &#8222;Frau Doktor, wo ich sie gerade treffe&#8230;&#8220; Dr. Ulrike Koock"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Irgendwann komme ich hier raus und dann schreib ich ein Buch \u00fcber alles was ich hier erlebt habe!&#8220;<\/em> ist ein Satz, den man in Stationsr\u00e4umen im Krankenhaus \u00f6fter h\u00f6rt. Dieser Satz ist universell. Pflegende, \u00c4rzte*innen und andere Heilberufe verwenden diesen Satz gerne als Ersatzausdruck f\u00fcr <em>&#8222;Das glaubt uns hier alles kein Mensch!&#8220; <\/em>Und m\u00f6glicherweise ist dies der Grund, warum diese B\u00fccher und Buchb\u00e4nde (es g\u00e4be so viel zu erz\u00e4hlen) bislang noch nicht zu tausenden die Handelsregale \u00fcberfluten, da wohl vieles von den Merkw\u00fcrdigkeiten eines normalen Arbeitstages von einem f\u00e4higen Lektorat mit den Worten &#8222;Wollen Sie mich f\u00fcr dumm verkaufen&#8220; und einer Watschen abgeschmettert w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso erfreulicher, wenn dann doch einmal ein Werk erscheint, dass nicht belehrt, nicht mit dem Finger wedelt, und w\u00fcrdevoll, breit aufgestellt und unterhaltsam vom Alltag in einem medizinischen Beruf erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<h2>Die Schwester, die Frau, die Doktorin<\/h2>\n\n\n\n<p>Disclamer: Wir m\u00f6gen Schwesterfraudoktor, wir m\u00f6gen sie sehr! Wir haben sie bereits auf diesen Seiten mit Tweets und ganzen Artikeln verlinkt, Filtern Sie also bitte meine Worte, wenn Sie nun weiterlesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im sch\u00f6nen Bundesland Hessen lebt eine freundliche <em>\u00c4\u00e4zdin<\/em> mit einer Stimme aus dunklem Samt, die irgendwann sehr unsicher das Bloggen begann. Einen &#8222;Goldenen Blogger Award&#8220;, eine Elternzeit und 1 Jahr Coronapandemie sp\u00e4ter halten wir nun seit dem 01.03. ihr erstes Buch in der Hand &#8222;Frau Doktor, wo ich sie gerade sehe&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h2>Sprechende Medizin zum Lesen<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Buch ist gegliedert wie eine Arbeitswoche in der Landarztpraxis. Kapitel f\u00fcr Kapitel kommen neue Patienten*innen mit ihren kleinen, gro\u00dfen, akuten, chronischen, neu aufgetretenen, manchmal peinlichen und manchmal auch nur ausgedachten Beschwerden ins Zimmer und Ulrike nimmt uns mit durch den Tag. Leser*innen ihres Blogs werden das ein oder andere Kapitel bereits so oder \u00e4hnlich kennen. Nat\u00fcrlich alles zum Schutze der Patienten*innen ordentlich verfremdet, sodass Archetypen \u00fcbrig bleiben, die mit ihren kurzen Aufenthalt in der Landarztpraxis minutenlange Geschichten erzeugen, die fachlich interessant, nachdenklich oder einfach nur sch\u00f6n sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder rutscht Dr. Koock dabei auch in vergangene Zeiten ab, es kommen Einsch\u00fcbe aus Notaufnahmen, dem Stationsalltag in der Facharztweiterbildung, und dabei kommen auch Gedanken \u00fcber und zu anderen Fachdisziplinen zur Sprache. Diese Gedanken sind empathisch und respektvoll. Was (leider) etwas Besonderes ist, denn unter dem Deckmantel der &#8222;Interdisziplinarit\u00e4t&#8220; gibt es noch viel Arbeit, angefangen bei normalem, respektvollem Miteinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Respektvoll Miteinander ist auch die beschriebene Beziehung zu den erkrankten Menschen. Immer und immer wieder wei\u00dft die Autorin daraufhin, welch wichtiges Instrument in der Allgemeinmedizin die &#8222;Sprechende Medizin&#8220; ist. Wenn man der jungen Dame mit dem unguten Gef\u00fchl nach einem n\u00e4chtlichen Techtelmechtel aus der Nase ziehen muss, warum sie vorstellig wird. Wenn man der \u00e4lteren Dame, die immer wieder wegen Gebrechen des Alters vorstellig wird, eine Pflegestufe anr\u00e4t und gleichzeitig Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr hat, dass sie dies nicht m\u00f6chte. Oder wenn man &#8211; vom eigenen Bed\u00fcrfnissen wie Hunger und Durst gequ\u00e4lt &#8211; die Stammpatientin auch mal gerade raus fragt ob man eben was essen d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist \u00fcbrigens mein Lieblingskapitel! W\u00e4hrend Ulrike Koock nach Stunden ohne Nahrung und Trinken gen\u00fcsslich das K\u00e4sebrot verzehrt und beil\u00e4ufig die lockere Dame nach ihrem Stuhlgang befragt. Da m\u00f6ge der nicht involvierte Laie die Nase r\u00fcmpfen, aber genauso ist es und die Darstellung ist perfekt! Absch\u00e4tzig wird oft von pflegenden Berufen vom &#8222;Alten Leuten den Arsch auswischen&#8220; geredet, aber hier zeigt sich: Es geht um ein Problem, m\u00f6glicherweise ein ernstes, also ist es auch m\u00f6glich seinen pers\u00f6nlichen Ekel in die professionelle H\u00fclle zu verpacken und mit Verstand und Wissen helfen zu k\u00f6nnen. W\u00e4hrend man seine Brotzeit macht. Ich werde \u00fcber dieses K\u00e4sebrot nicht fertig, ich sehe sie f\u00f6rmlich vor meinem inneren Auge und musste mehrmals laut lachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Ende der Woche wird es auch Ernst. Auch das Thema Sterben geh\u00f6rt zu unseren Berufen. An dieser Stelle wird nicht gespoilert. Wie wir es aber auch den 200 Seiten zuvor schon erfahren haben: Wir werden klaren Worten und sanfter Hand bis zu diesem schweren Thema geleitet.<\/p>\n\n\n\n<h2>So vielf\u00e4ltig wie der Alltag<\/h2>\n\n\n\n<p>Und so zieht sich die Woche fort. Wir treffen Menschen, die wir uns vorstellen k\u00f6nnen, mit Problemen, die wir nachvollziehen k\u00f6nnen und so wie Dr. Koock von der Routine in nachdenkliche in besorgniserregende in resignierende und wieder zur\u00fcck zu locker leichten F\u00e4llen arbeitet, so arbeiten wir uns durch dieses Buch und f\u00fchlen mit allen Figuren mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist kein reines Sachbuch, es vermischt Fachlichkeit und Geschichtenerz\u00e4hlen miteinander. Es \u00fcbt hier und da Kritik am Gesundheitssystem, ich erkenne einen leichten Ansatz zu der Situation &#8222;Alleinerziehend und Arbeitend&#8220;, der aber nie wirklich gro\u00df ausformuliert wird. Es ist eben wie das Leben. Die Gedanken, die einem w\u00e4hrend einer Arbeitswoche kommen, die vielleicht mehr Platz verdient h\u00e4tten, aber dann w\u00e4re es nicht das Werk, das es ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>&#8222;Frau Doktor wo ich sie gerade treffe&#8220;<\/em><\/strong> ist ein empfehlenswertes Buch, es ist ein Panoptikum durch die Vielfalt medizinischer Berufe, immer nah am Menschen und auch wenn die Emotionen mit den Patienten hin und her gehen, der Leser bleibt in einer angenehmen Komfortzone zwischen lauten und leisen Momenten. Das Buch droht nicht mit dem Zeigefinger aber spricht hier und da eine deutliche Sprache ohne zu verletzen. Es macht sich nicht lustig sondern jongliert mit der Individualit\u00e4t jedes Menschen und jedes Falles. Es verzweifelt nicht, denkt aber laut und zeigt gleichsam die Sch\u00f6nheit und die Vielfalt des Berufs am Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir geben 4.5\/5 Mon Cheries! <\/p>\n\n\n\n<p>Knaur-Verlag, 256 Seiten<br>erh\u00e4ltlich als Paperback (ISBN 978-3-426-79091-5) und E-Book<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Irgendwann komme ich hier raus und dann schreib ich ein Buch \u00fcber alles was ich hier erlebt habe!&#8220; ist ein Satz, den man in Stationsr\u00e4umen im Krankenhaus \u00f6fter h\u00f6rt. Dieser Satz ist universell. Pflegende, \u00c4rzte*innen und andere Heilberufe verwenden diesen Satz gerne als Ersatzausdruck f\u00fcr &#8222;Das glaubt uns hier alles kein Mensch!&#8220; Und m\u00f6glicherweise ist dies der Grund, warum diese B\u00fccher und Buchb\u00e4nde (es g\u00e4be so viel zu erz\u00e4hlen) bislang noch nicht zu tausenden die&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":558,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[13,21],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/diepflege.org\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/20210306_110538-scaled.jpg?fit=1920%2C2560&ssl=1","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/557"}],"collection":[{"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=557"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/557\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":565,"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/557\/revisions\/565"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/558"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/diepflege.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}