{"id":567,"date":"2021-04-05T19:43:52","date_gmt":"2021-04-05T17:43:52","guid":{"rendered":"https:\/\/diepflege.org\/?p=567"},"modified":"2021-05-08T20:22:10","modified_gmt":"2021-05-08T18:22:10","slug":"pflexit-aber-was-dann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diepflege.org\/?p=567","title":{"rendered":"#Pflexit \u2013 aber was dann?!"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich bin seit mittlerweile 16 Jahren in der Pflege. Bin Fachkrankenschwester f\u00fcr Intensiv und An\u00e4sthesie. War 7 Jahre auf einer interdisziplin\u00e4ren Intensivstation. Bin viel eingesprungen. War zust\u00e4ndig f\u00fcr viele Dinge. Man konnte mich immer anrufen, wenn man eine Frage hatte. Habe zig Einarbeitungen gemacht, hatte immer Auszubildende dabei. Bin h\u00e4ufig zus\u00e4tzlich ins Krankenhaus gefahren, wenn man mich brauchte. Habe nebenbei noch ehrenamtlich in einem Hospiz gearbeitet. Kurz: Ich habe f\u00fcr meinen Job gelebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich liebe meinen Job, aber er hat mich kaputt gemacht. 2012 hatte ich mein erstes Burnout. Seither k\u00e4mpfe ich mit Depressionen. Mittlerweile auch mit Panikattacken. Vor 6 Jahren bin ich in die An\u00e4sthesie gewechselt. Es war eine Flucht. Raus aus dem engen Patientenkontakt, weil ich denen nicht mehr gerecht werden konnte. Nicht auf Grund meiner Ersch\u00f6pfung, sondern auf Grund des Systems. Man hat keine Zeit mehr die einzelnen wichtigen T\u00e4tigkeiten richtig auszuf\u00fchren, man kann nicht mehr pr\u00e4ventiv arbeiten. Man kann nicht mal mehr richtig therapieren. Alles ist auf Kante gen\u00e4ht. Es reicht (in den meisten F\u00e4llen) gerade noch so, dass alle Patienten \u00fcberleben. Man geht nach Hause und f\u00fchlt sich schlecht. Weil man so nie arbeiten wollte. Und dann hat man zwei M\u00f6glichkeiten. Entweder man stumpft ab, wird ein Arschloch oder man geht. Letzteres habe ich getan.<\/p>\n\n\n\n<p>In der An\u00e4sthesie hat man den Vorteil, man kann keine Beziehung zu den Patienten aufbauen. Die allermeisten laufen so an einem vorbei. Man lernt sie kurz kennen vor der Narkoseeinleitung, und nach der OP Dauer gibt man sie wieder ab. Die wenigsten sieht man je wieder. Bei den wenigsten kriegt man einen Verlauf mit. Es ist Arbeit am Flie\u00dfband. Doch auch in diesen 6 Jahren hat sich das System noch weiter verschlechtert. Fr\u00fcher hatte man einen OP Saal, war der fr\u00fcher fertig konnte man mal ein paar Dinge \u201eaussenrum\u201c erledigen oder aber fr\u00fcher gehen. Mittlerweile springen wir zum Teil in 3 OP S\u00e4len parallel rum, das aussenrum passiert auch irgendwie parallel. Man kann auch hier nichts mehr richtig machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam Corona. Und als w\u00e4ren wir Zuhause mit der eigenen Familie nicht schon genug mehrbelastet, kriegen wir, die im Krankenhaus arbeiten, es doppelt ab. Man hofft auf die Vernunft der Menschen, auf die Strategien der Politik. Man kl\u00e4rt auf, man bittet, man wird laut. Doch das alles n\u00fctzt nichts. Wir werden nicht geh\u00f6rt. Die Politik \u00e4ndert nichts, nicht an der Corona-Strategie, die nicht funktioniert und schon gar nicht an unseren Arbeitsbedingungen, die schon so lange so schlecht sind und immer schlechter werden. Die Menschen sind nicht vern\u00fcnftig, sie gehen auf Demonstrationen, halten sich nicht an die Regeln und treten uns mit F\u00fc\u00dfen. Jeden Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin m\u00fcde. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Das ist nicht mehr der Beruf, den ich mal so gerne gemacht habe, f\u00fcr den ich gelebt habe. Ich w\u00fcrde ihn gerne weiter aus\u00fcben, mit guten Arbeitsbedingungen und mit einem guten Gef\u00fchl, wenn ich am Ende des Dienstes nach Hause gehe. Mit mir entgegen gebrachter Wertsch\u00e4tzung. Das alles wurde schon so oft geschrieben, es interessiert ja doch keinen. Auch dieser Beitrag wird daran nichts \u00e4ndern. Das hier ist lediglich meine Geschichte, meine Gedanken dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war jetzt 4 Wochen krank Zuhause, habe meine eigene Notbremse gezogen. In der Hoffnung, dass ich wieder mit mehr Kraft zur\u00fcck kehren kann. Dem ist nicht so. Ich habe heute den ersten Arbeitstag, es ist relativ ruhig. Und trotzdem sitze ich hier mit keinem guten Gef\u00fchl. Ich gehe wieder mit Bauchschmerzen arbeiten. Das wollte ich nie wieder erleben. Die Gedanken auszusteigen werden lauter. Doch was dann?!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann nichts anderes. Und viel mehr, ich will ja auch nichts anderes. Aber die Hoffnung darauf, dass sich etwas \u00e4ndert schwindet. Ich habe gek\u00e4mpft f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen. 16 Jahre lang. Von Anfang an bei ver.di, seit letztem Jahr auch noch beim Bochumer Bund. War 8 Jahre lang im Betriebsrat. Und seit 2 Jahren bin ich laut auf Twitter. Ich muss mir nicht vorwerfen, ich h\u00e4tte es nicht versucht. Aber ich bin fertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man mich fragt, was ich jetzt tun m\u00f6chte, wie mein Weg aussehen k\u00f6nnte muss ich mit den Schultern zucken. Ich wei\u00df es nicht. Mein Traum w\u00e4re mittlerweile ein B\u00fcrojob, am besten noch mit Option auf Homeoffice. Flexible Arbeitszeiten, damit ich meine 4j\u00e4hrige auch betreuen kann. Nur leider m\u00fcsste ich dabei noch mindestens genauso viel verdienen wie jetzt, da ich Hauptverdienerin meiner Familie bin. Um eine neue Ausbildung oder ein Studium zu machen fehlt mir die Kraft. Es ist ein Teufelskreis. Und so werde ich erst mal weiter arbeiten gehen. Bis sich mir irgendwann eine T\u00fcr \u00f6ffnet, die mir helfen kann. Bis dahin werde ich eben \u00f6fter mal meine eigene Notbremse ziehen. Ich werde mich nicht weiter f\u00fcr dieses System aufopfern. Es hat mich schon kaputt gemacht, ja fast in den Suizid getrieben. So weit werde ich es nicht mehr kommen lassen. Wenn die Politik nichts f\u00fcr uns tun m\u00f6chte, fein, aber ich werde auch nichts mehr &#8222;mehr&#8220; tun. Dienst nach Vorschrift, bis ich f\u00fcr mich eine L\u00f6sung gefunden habe. An alle im Gesundheitswesen arbeitenden die noch nicht so kaputt sind: lasst euch nicht so kaputt machen. Es dankt euch keiner!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin seit mittlerweile 16 Jahren in der Pflege. Bin Fachkrankenschwester f\u00fcr Intensiv und An\u00e4sthesie. War 7 Jahre auf einer interdisziplin\u00e4ren Intensivstation. Bin viel eingesprungen. War zust\u00e4ndig f\u00fcr viele Dinge. Man konnte mich immer anrufen, wenn man eine Frage hatte. Habe zig Einarbeitungen gemacht, hatte immer Auszubildende dabei. Bin h\u00e4ufig zus\u00e4tzlich ins Krankenhaus gefahren, wenn man mich brauchte. Habe nebenbei noch ehrenamtlich in einem Hospiz gearbeitet. Kurz: Ich habe f\u00fcr meinen Job gelebt. 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