Auslandsrecuiting: Eine Antwort auf den Pflegemangel?

Ein Globus mit Gesichtern von Menschen aus aller Welt. Davor ein Smartphone, das ein Bild davon macht.

Als ich vor einigen Jahren für die Liebe nach Hamburg zog (macht das nie liebe Kinder es lohnt sich nicht), arbeitete ich zum ersten Mal mit Pflegekräften aus dem Ausland. Bei meinem vorherigen Arbeitgeber, einer Klinik in der Oberlausitz, gab es keine ausländischen Pflegekräfte. Unbesetzte Stellen wurden einfach nicht besetzt – sehr zum Frust aller Beteiligten. Seit ich nun in Hamburg bin, liegt mir das Thema Auslandsrecruiting sehr am Herzen und ich habe dazu eine ganz eigene Meinung entwickelt – jedoch versuche ich diesen Artikel so objektiv wie möglich zu verfassen.

Zu Beginn möchte ich die Fakten zu diesem Thema klären:

Warum werden Pflegekräfte aus dem Ausland geholt und lohnt sich das denn überhaupt?

In Deutschland herrscht ein ziemlicher Fachkräftemangel in der Pflege, der verschiedene Ursachen hat. Zum einen wäre da der demografische Wandel zu nennen. Das heißt, die Lebenserwartung steigt immer mehr während die Geburtenrate sinkt. Zum anderen wäre da natürlich die Attraktivität des Pflegeberufes zu nennen (Grüße gehen raus an Herrn Spahn…); die physische und psychische Belastung ist sehr hoch und – naja – im Gegenzug dazu die Bezahlung eher niedrig.

Laut der Bertelsmann Stiftung wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf 3,4 Millionen Menschen steigen und die Zahl der Menschen, die in der Pflege tätig sind weiter abnehmen. Wenn nicht gegengesteuert wird, fehlen 2030 insgesamt 500.000 Vollzeitkräfte. Der Lösungsansatz heißt also: Arbeitsmigration. Ein Großteil der Migrant*innen kommt aus EU- Staaten. Im Jahr 2013 arbeiteten rund 73.600 Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis in der Pflege. Wenn man diese Zahlen sieht, merkt man also: es rentiert sich nicht nur, sondern ist für Deutschland sogar zwingend notwendig, Fachkräfte aus dem Ausland zu holen.

Was sind die Pros und Kontras für die Arbeitsmigration?

Um diese Frage zu beantworten, muss man die Belange aller Seiten anschauen, die von Arbeitsmigration „betroffen“ sind.

  1. Gesundheitswirtschaft

pro:

– Fachkräftemangel kann behoben werden

– Sicherung des Gesundheitsstandards

kontra:

– Qualifikationen entspricht z.T. nicht dem deutschen Standard

– Gesundheitssysteme der anderen Länder werden belastet

  1. Arbeitgeber

pro:

– Stellenbesetzung möglich

– Standortsicherung

kontra:

– hohe Kosten

– zunächst eingeschränkte Einsatzmöglichkeit

– hohe bürokratische Hürden

  1. vorhandene Pflegekräfte auf den Stationen:

pro:

– mehr Personal

– Erweiterung von Wissen

– steigende Sprachkompetenz

kontra:

– aufwendige Einarbeitung

  1. Arbeitsmigranten:

pro:

– bessere Perspektiven als im Herkunftsland

– Aneignung und Weitergabe von Wissen

– bessere Bezahlung

kontra:

– Familie in der Heimat

– fremdes Land, Kultur, Menschen

– anderes Berufsverständnis/ falsche Erwartungen

Wie läuft so ein Bewerbungsverfahren ab – also wie finden die Kliniken die Pflegekräfte?

Viele Arbeitgeber*innen greifen für die Rekrutierung auf Agenturen zurück. Diese machen die Vorarbeit in den Herkunftsländern. Sie arbeiten teilweise mit Sprachschulen zusammen und schalten Anzeigen. Bewerber werden mithilfe von fünf Kriterien geprüft: Fachlichkeit/Erfahrungen, Motivation, Zeugnisse, Deutschkenntnisse, Einsatzort in der Klinik. Danach werden den Kliniken geeignete Bewerber vorgeschlagen. Je nach Klinik werden die Pflegekräfte, nach Videochatbewerbungsgespräch eingestellt oder zum Teil reisen die Arbeitgeber auch mit Dolmetschern ins Ausland um Bewerbungsgespräche vor Ort zu führen.

Wie geht es dann in Deutschland weiter?

Einer der wichtigsten Pfeiler für das Arbeiten auf der Station ist natürlich die Sprache. Voraussetzung, um in Deutschland eine Berufsanerkennung zu erhalten ist das Sprachniveau B2. Ab Sprachniveau B1 können die Pflegekräfte in der Klinik arbeiten. Je nach Arbeitgeber ist auch die Unterstützung beim Lernen der Sprache unterschiedlich. Bei meiner Recherche für den Artikel habe ich zum Beispiel erfahren, dass es Kliniken gibt, in denen die Migrant*innen anfangs in Gastfamilien untergebracht werden und sprachlich sehr geschult werden. Dieses Vorgehen finde ich sehr gut und halte es für sehr effektiv.

Bei mir in der Klinik ist das leider nicht ganz so gut geregelt. Zwar bekommen die Kolleg*innen Wohnungen gestellt, aber dort leben sie dann allein oder in gemischt-nationalen WGs. Ab Sprachniveau B1 arbeiten die Kolleg*innen dann auf den Stationen. Dort besuchen sie dann verpflichtend mehrfach pro Woche im Krankenhaus Deutschkurse.

Der nächste wichtige Pfeiler ist natürlich die berufliche/ fachliche Integration. In vielen Ländern ist es so, dass die Pflegekräfte eben nicht die gleiche Pflege durchführen wie wir hier. Für „sauber, trocken, satt“ sind in vielen Ländern die Angehörigen zuständig bzw. gibt es dafür Pflegeassistent*innen. Das ist oft eine große Umstellung.

Außerdem haben Pflegekräfte im Ausland ganz andere Befugnisse. Sie arbeiten oft viel eigenverantwortlicher: Medizinische Tätigkeiten, die wir nur auf ärztliche Anordnung erledigen dürfen, entscheiden sie meist selbst. Bei meinem Arbeitgeber müssen alle ausländischen Pflegekräfte einen Pflegekurs besuchen. Dort sollen sie die nötigen Skills erlernen, plump gesagt; das Waschen, Lagern und Schutzhose wechseln.

Zu guter Letzt ist die gesellschaftliche Integration sehr wichtig, damit sich die Kolleg*innen schnell wohl fühlen. In manchen Kliniken gibt es Mentorenkonzepte, bei denen jede ausländische Pflegekraft einen Mentor von der jeweiligen Station zur Seite gestellt bekommt, welche dann die fachliche Einarbeitung übernimmt und auch neben der Arbeit als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Das ist meiner Meinung nach ein sehr gutes Konzept, welches es den Pflegekräften viel einfacher macht, hier Fuß zu fassen.

Das Anerkennungsverfahren an sich ist von Bundesland zu Bundesland verschieden und es kommt auch nochmal darauf an ob das Examen in Eu- Ländern erworben wurde oder nicht. Bis zur Anerkennung arbeiten die Pflegekräfte dann als Krankenpflegehelfer*innen auf den Stationen.

Was gibt es für Schwierigkeiten?

Das größte Problem ist wohl die Sprachbarriere. Meiner Meinung nach reicht B1 nicht aus, um im Krankenhaus arbeiten zu können. Es gibt viele Verständigungsprobleme und wenn die Pflegekräfte vielleicht noch in einer Ecke Deutschlands arbeiten, in der Dialekt gesprochen wird, verstehen die Pfleger*innen die Patient*innen kaum bis gar nicht. Das kann zu Verärgerung der Patient*innen und zu Motivationsverlust bei den Pfleger*innen führen. Teilweise kann die Sprachbarriere ja auch zu Fehlern und Patienten gefährdenden Situationen führen.

Ein weiteres Problem ist, dass sich die Tätigkeitsbereiche in den anderen Ländern oft sehr von denen bei uns unterscheiden. Das heißt, dass viele mit der reinen Pflege nichts zu tun haben und oft selbstbestimmter arbeiten dürfen. Auch das kann zu Motivationsverlust bei den Kolleg*innen führen, stellt es in deren Verständnis doch eine Herabwürdigung des Berufsverständnisses dar. Teilweise wird den ausländischen Pflegekräften diese Diskrepanz vorher auch gar nicht deutlich gemacht und der Schock ist später groß.

Für mich ist das größte Problem aber, dass verschiedentlich versucht wird, sich durch Arbeitsmigration zu bereichern – sei es durch dubiose Agenturen, die sich viel Geld bezahlen lassen, um Pflegekräfte zu vermitteln und sich dann auch von den Pflegekräften nach der Vermittlung noch monatlich unterschiedlich hohe Beträge bezahlen lassen, oder ob es Arbeitgeber sind, welche die Kolleg*innen nicht angemessen bezahlen und quasi als billige Arbeitskräfte ansehen. So bekommt man keine motivierten Arbeitnehmer*innen, die auch langfristig im Unternehmen bleiben wollen.

Des Weiteren gibt es auch unter den Arbeitsmigranten „schwarze Schafe“, die mit gefälschten Examen nach Deutschland kommen, was natürlich für die Stationen keine Hilfe ist und zu vielen Problemen führt. Die chronische Unterbesetzung der Stationen macht die Situation natürlich schwierig. Man hat keine Zeit und teilweise auch keine Lust sich für die Kolleg*innen Zeit zu nehmen und sie entsprechend einzuarbeiten. Übrigens gibt es auch in deutschen Krankenhäusern Probleme mit Rassismus. Wir sollten alle daran arbeiten, unsere Kolleg*innen vorurteilsfrei willkommen zu heißen. Auch wenn man vielleicht schlechte Erfahrungen gesammelt hat, ist es kein Grund jemanden gleich von vornherein abzulehnen.

Zu guter Letzt möchte ich hier anonym einige Kollegen zu Wort kommen lassen, um über ihre Erfahrungen zu berichten.

1

Wir haben momentan eine Kollegin aus den Philippinen bei ihr war es so, dass sie ersteinmal ein halbes Jahr bei uns gearbeitet hat und dann nochmal zur Schule musste. Dort hat sie dann nochmal eine Art Crashkurs besucht und dann ihre Anerkennung bekommen. Was ich dir aber dazu sagen kann, ist dass der Umgang mit ausländischen Pflegekräften bei uns im Haus wirklich nicht gut ist. Zum Beispiel bei der Kollegin aus den Philippinen (eine sehr erfahrene Kinderkrankenschwester, die überall auf der Welt schon gearbeitet hat, auf Intensivstationen) war es so, dass sie gerne bei uns auf die Neointensivstation wollte, das wurde aufgrund der Sprachbarriere abgelehnt und dann beschlossen, dass sie zu uns in die Kinderklinik kommt. Hat dann bei uns die Einarbeitung begonnen, wurde dann während Corona abgezogen auf die Coronaambulanz, gegen ihren Willen. Sie hat die Arbeit dort dann aber trotzdem gemacht durfe dann als die Fälle wieder weniger wurden auch zurück zu uns. Wurde dann bei uns wieder neu eingelernt und fühlt sich sehr wohl bei uns. Jetzt kam die PDL um die Ecke und meinte kurz vor Ende ihrer Probezeit wir wären hier in der Kinderklinik überbesetzt und sie solle jetzt auf die Chirurgie gehen zu den Erwachsenen ansonsten müsste sie die Klinik verlassen. Wir haben in der Kinderklinik nicht zu viel Personal, aber im Oktober sollen vier neue Kollegen eingestellt werden bei uns und dafür soll sie jetzt Platz machen. Das finde ich echt nicht in Ordnung.

2.

Für mich persönlich als Arbeitgeber sieht die Lage wieder anders aus – ich kann mir Arbeitskräfte beschaffen, Fort- und Weiterbildungskosten sowie die ganzen Anerkennungskosten zahlen und wenn dann alles durch und genehmigt ist, besteht die sehr große Gefahr, dass die Arbeitnehmer dann in die öffentlichen Kliniken abwandern. Mit anderen Worten, ich habe die durchschnittlich anfallenden Kosten für einen neuen Arbeitnehmer aus dem Ausland in Höhe von € 8.000,- gezahlt, der Arbeitnehmer kündigt und geht mit seinen neuen Papieren direkt in die Uniklinik, wo selbstredend ein höherer Lohn gezahlt wird. Sich Arbeitnehmer, die eine kostenlose Fort- und Weiterbildung durch den Arbeitgeber erhalten haben, vertraglich an das Unternehmen zu binden, ist sinnlos, denn es entspricht nicht dem deutschen Arbeitsrecht. Dazu gibt es zu viele Urteile. In meinem Fall ist das Risiko also viel zu groß. Aus der Uniklinik weiß ich, dass die Uniklinik gar nicht daran interessiert ist, aus Hilfskräften Fachkräfte zu machen, denn Hilfskräfte sind wesentlich billiger als Fachkräfte. Zur Deckung der Personalnot reicht es aus, wenn eine examinierte Kraft auf Station ist, die dann noch XX Hilfskräfte zur Verfügung hat – so ist die Arbeit getan, die examinierte Kraft hat ihre entsprechenden Aufgaben erfüllt, die Hilfskräfte eben das, was auch ohne Examen geht (waschen, Essen reichen etc.).“

3.

Die Hauptprobleme die ich hatte als ich nach Deutschland kam waren:

Die Sprache: Das ein sehr bekanntes aber auch unterschätztes Problem. Natürlich benötige ich Sprachkenntnise um in Deutschland arbeiten zu können, aber ich finde es besser die Sprache direkt in Deutschland zu lernen als in Italien Kurse zu besuchen, oder noch schlimmer die Sprache per Online Kurs zu lernen.

Die Wohnungssuche: Leider verlangen die meisten Vermieter ein Dokument von der Schufa, welches es in Italien nicht gibt. Das macht eine Wohnungssuche sehr schwer.

Die Krankenversicherung: Das Gesundheitswesen in Italien ist völlig staatlich, wir haben keine Versicherungshistorie. Das wird aber von vielen Krankenversicherungen verlangt. Das Problem kann durch die Ausstellung eines Dokuments durch das Gesundheitsministerium gelöst werden, aber auch nicht alle Versicherungen akzeptieren das.

Das alles hat mir den Start in Deutschland schwerer gemacht und ich hätte mir da mehr Hilfe gewünscht. Sonst wurde ich aber gut aufgenommen und habe keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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1 Response

  1. Hallo
    ich habe Ihren Beitrag gelesen.

    Ich bin aus Marokko angesprochen worden, für marokkanische Frauen einen Ausbildungsvertrag in Deutschland vorzubereieten (gehöre also zu den sog. Agenturen).

    Probleme haben sich ergeben:
    – Deutsche Ausbilder wollen vorher persönliches Gespräch vor Ort – bisher scheint das ja per Video-Konferenz oder Gespräch im Ausland gegangen zu sein.
    – Dafür haben die marokkanischen Frauen weder Geld noch Chancen (z.B. Wohnung für die Zeit der Ausbildungsplatzsuche/Gespräche führen)
    – Deutsche Ausbilder haben schlechte Erfahrung mit notwendigen Papieren gehabt und wollen deshalb keine ausl. Bewerber – trotz Pflegenotstand
    – Deutsche Schulen scheinen sich dieser Linie anzuschließen.

    Wie sind da Ihre Erfahrungen?
    Und gibt es Ausbildungsbetriebe, die das anders sehen und kooperativer sind – vor allen Dingen hier im Westen?

    Freue mich auf eine Antwort.

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