„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ – wenn der Nachwuchs aufgefressen wird.

Ein Unreiner Arbeitsraum in einem Krankenhaus. Links liegt umgedreht eine Bettschüssel, rechts poliert eine Hand die Arbeitsfläche mit einem Tuch

#nurseseatsupporttheiryoung– ein wunderschöner Hashtag, der beschreibt, wie das Verhältnis von Examinierten zu „ihrem“ Nachwuchs sein sollte: unterstützend.

Leider sucht man diese Unterstützung in vielen deutschen Kliniken vergeblich. Wie oft bekommt man während der Ausbildung zu hören „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, „Was denkst du was ich in meiner Ausbildung machen musste – Bettpfannen putzen war da noch eine angenehme Aufgabe“ und ähnliches. Doch woher kommt dieser mangelnde Respekt für die Neuen? Ist es eine Art „Abhärten“ für den kommenden Berufsalltag? Eine Prüfung, um zu sehen wer das Zeug zum Durchhalten hat? Oder ist es einfach nur Resignation und Missgunst…?

Fakt ist, es hilft nicht. Niemandem.

Wir leben zu Zeiten einer Pandemie und eines eklatanten Fachkräftemangels, doch viele (10-15%[1]) Auszubildende schaffen es aufgrund verschiedener Gründe („Probezeitprüfungen“ etc.) nicht über die ersten 6 Monate ihrer Ausbildung hinaus. Weitere verlassen die Pflege wegen eines Studienplatzes im Verlauf wieder oder merken, dass der Job einfach Hardcore ist und sie nicht bis zum Rentenalter (wenn sie es so weit schaffen) ausgebeutet werden wollen. Dann sind da noch so „kleine“ Stolpersteine, wie zum Beispiel die Fehlzeitenregelung, die einem quasi jegliches längeres krank sein verbietet, da man sonst Gefahr läuft keine Zulassung zur Abschlussprüfung zu erhalten. Easy, in diesem Job hat man ja auch kaum Kontakt mit Keimen und jeder von uns hat ein Immunsystem wie die Chinesische Mauer. Wenn wir jetzt all diese (und mehr) Faktoren zusammen zählen, kommen wir laut ver.di auf eine Verlustquote von knapp 30%! In Worten: Dreißig. Das sind unfassbar viele zukünftige Fachkräfte, die wir in jedem Jahrgang einfach so verlieren. Nur um das klar zu stellen: die Pflege ist ein anspruchsvolles Berufsfeld und sicher nicht für Jeden gemacht. Man muss diesen Job von ganzem Herzen wollen und er erfordert auch eine Menge Köpfchen und Einfühlungsvermögen etc., aber für die, die diese Eigenschaften mitbringen, sollte der Weg nicht schwerer gemacht werden als er so schon ist.

Womit wir auf Station wären, da wo die Probleme meist anfangen. Ich habe mich spät für die Pflege entschieden und werde von vielen Kollegen und Kolleginnen nicht mehr als „noch grün hinter den Ohren“ angesehen. Mir muss man keine Disziplin und Ordnung mehr beibringen. Aus diesen Gründen höre ich aber viel, was über meine Mitschüler*innen gesagt wird: „Faul“, „unmotiviert“ und „dumm“ sind da noch die netteren Dinge.

In einem Tweet haben wir von @PflegeDie Azubis (und ehemalige) gebeten, uns von ihren persönlichen Horrorstories aus der Ausbildungszeit zu erzählen. Es ist erschreckend, was wir da alles lesen mussten. Eine Auszubildende, die kurz vor ihrem Abschluss steht schrieb uns u.a.

„Es wird erwartet, dass ich Dienste einer Woche tausche weil ein Examinierter krank ist. […] Mir wird aktuell nicht mal mehr gesagt, was ein Patient hat, den ich mobilisieren soll. Ist bei frisch Operierten die man nicht kennt dann sehr spannend. […] Abgesehen davon kriege ich meistens weder eigene Patienten noch will mich jemand mitnehmen. Wenn ich mal eigene hab, darf ich trotzdem alle Klingeln der Kollegen abgehen und für fast alle Vitalzeichen messen.“

Eine andere hat folgendes zu berichten

„Wir hatten mintgrüne Schülerwäsche. Seit Jahrzehnten haben Azubis sich beschwert, dass die Wäsche durchsichtig ist und nichts ist passiert. An einem Tag im August an dem es fast 35°C draußen hatte wurde ich zur Stationsleitung zitiert und bekam die Anweisung mit sofortiger Wirkung eine lange Unterhose unter der Uniform zu tragen, mein Tattoo auf dem Oberschenkel sei weder Personal noch Patienten zumutbar (eine Meerjungfrau mit nackten Brüsten). Auf meine Erwiderung, man möchte sich bitte für blickdichte Uniformen der Azubis einsetzen, bekam ich eine offizielle Verwarnung wegen sexueller Belästigung. […] In der Klinik, in der ich ausgebildet wurde, waren während einer Umbauphase immer 3 Stationen zusammengelegt und am Anfang immer überbelegt mit 45 bis 55 Patienten. 14:30 Uhr sollte Schichtende sein, 14 Uhr kommt eine Pflegefachkraft auf mich zu, drückt mir das manuelle Blutdruckmessgerät in die Hand und sagt: ‚Wenn du mit dem Kaffeewagen und den Vitalzeichen durch bist, darfst du heute ausnahmsweise früher gehen‘. […] Die Ausbildung war eine einzige Aneinanderreihung von Demütigungen, Beschimpfungen, Schmähungen und Herabwürdigungen. Nicht nur bei mir, dasselbe berichtete die ganze Klasse. Und wir alle bekamen zur Antwort: Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“

Ein anderer Azubi schrieb uns über seinen ersten Einsatz bei dem er sich völlig allein gelassen fühlte was Pflegemaßnahmen betrifft und das jegliche Einwände seinerseits bezüglich des Umgangs mit den Patienten (keine Mundpflege gemacht, Flächendesinfektionsmitteltücher zur Intimpflege verwendet) abgewunken wurden. Er schrieb auch

„Was für mich psychisch am belastendsten war, war aber eigentlich, dass ich am Ende des Dienstes zu einem Gespräch eingeladen wurde. Das bestand aber eigentlich nur daraus, dass mir gesagt wurde, dass meine Art gar nicht geht und ich immer Widerworte geben würde und alle auf Station mich als störend und unhöflich empfinden, obwohl vorher nie jemand zu mir gegangen ist und etwas gesagt hat. […] Wurde auch teilweise auf der Station alleine gelassen, weil alle gleichzeitig im Treppenhaus rauchen waren.“.

Wieder ein anderer, der nun kurz vor dem Abschluss steht, schreibt über seine Ausbildungszeit folgendes:

„Wir hatten einen psychisch stark auffälligen Mit-Azubi, über den wir, als er offensichtlich psychotisch war, eine Verhaltensanalyse schreiben sollten. Es wurde uns in seiner Abwesenheit gesagt, dass wir uns, wenn er austickt, auf ihn werfen sollen. Hinter seinem Rücken wurde offiziell mit dem Kurs über ihn gesprochen, manchmal wurde er dazu aus dem Raum gebeten.“

Er schreibt weiter:

„ JAV* Mitglieder werden aktiv gemobbt, benachteiligt und klein gehalten und mit Strafaufgaben etc. belastet. Ein Azubi wurde von Leitung und Klassenleitung zum Gespräch ins Büro eingesperrt und es wurde versucht eine Unterschrift zu erzwingen, ohne die Möglichkeit sich zu rechtfertigen. Als von mir der Betriebsrat hinzugezogen werden sollte wurde das verweigert. Es wurde ebenso versucht schwangere Auszubildende zu kündigen. Alle die sich in der Probezeit an die JAV gewendet haben wurden einen Tag vor Ende der Probezeit gekündigt. […] Die letzten 2 Jahre waren die absolute Hölle, ich habe keine Ahnung wie ich das überstanden hab.“

*Jugendauszubildendenvertretung (Anmerkung der Redaktion)

In der Altenpflege sieht es nicht besser aus. Eine bereits examinierte Kollegin beschrieb mir ihre Ausbildungszeit wie folgt:

„Am ersten Tag bin ich mit einer Kollegin mitgelaufen, am zweiten Tag hatte ich bereits 5 Schwerstpflegefälle mit Transfers allein zu versorgen. In der zweiten Woche musste ich bereits alleine Spätdienste mit 14 Bewohnern machen. Pflegeplanungen wurden auf mich abgeschoben, diese musste ich in der Freizeit zu Hause machen. Zu Visiten durfte ich nicht mitgehen, meine Beobachtungen zu den Bewohnern wurden nicht ernst genommen. Als ich einmal einen Zwischenfall mit einem Bewohner begleitet und dokumentiert habe, hat im Nachhinein die Wohnbereichsleitung meine gesamte Dokumentation gestrichen und durch ihre geschönte Version ersetzt.“

Ich könnte noch ewig so weiter schreiben. Über zu wenig (keine) Anleitung, schlechte Behandlung durch Examinierte und Vorgesetzte, unwürdige Rahmenbedingungen (Kleidung, Umkleiden, Toilettenbenutzung etc.) und auch fehlende Unterstützung seitens der Schule. Es sind auch nicht nur Azubis aus der Pflege betroffen, sondern auch ein FSJ’ler schrieb mir, dass er teilweise schlimme Schikanen von Pflegefachkräften ertragen musste:

„Es ging morgens los mit – willst du denn heut auch mal arbeiten? Und endete mit – Mal wieder faul gewesen, wa?! Wenn ich mal bei einer Untersuchung oder einer kleineren Maßnahme daneben stand wurde ich weggescheucht und bekam wieder so Sprüche wie – Kein Wunder, dass du nix schaffst, wenn du immer nur rumstehst- zu hören.“

All diese (und noch viele mehr) negativen Erfahrungen zu lesen macht mich wütend und traurig. Es scheint kein Wunder zu sein, dass wir so viele potenzielle Fachkräfte bereits im ersten Lehrjahr verlieren. Ich kann natürlich nicht alle beurteilen aber in meinem Umfeld erlebe ich viele hochmotivierte und lernwillige junge Menschen, die sich mit Herz und Verstand für den Pflegeberuf entschieden haben. Und auf der anderen Seite sehe ich viele demotivierte und bereits in jungen Jahren ausgebrannte Fachkräfte, die schlichtweg keine Kraft und Kapazität mehr haben sich um den Nachwuchs adäquat zu kümmern. Praxisanleiter, die einfach viel zu selten geworden sind weil es keinerlei Vergütung für den Mehraufwand gibt. Die sich nicht nur um einzelne Azubis kümmern müssen sondern denen nahegelegt wird Anleitungen doch einfach in der Gruppe oder halt theoretisch durchzuführen. Wachsende Berge an Papierkram, die den Pflegenden übergeworfen werden und zusätzlich zur Betreuung der Patienten erledigt werden müssen – wie soll man da noch Zeit für die Auszubildenden haben?

Doch diese Probleme lassen sich nur mit Einem lösen: Mehr Fachkräfte. Viel mehr Fachkräfte! Aber die kommen nur, wenn sich in der Ausbildung grundlegend etwas ändert: gegenseitiger Respekt, gegenseitige Anerkennung und attraktivere Bedingungen für alle Pflegenden, die den Beruf zu ergreifen und (ganz wichtig!) auch dabei zu bleiben.

Also bitte, liebe Kolleginnen und Kollegen, die ihr das lest, – unterstützt Euren Nachwuchs, auch wenn es nicht immer einfach ist! Jeder hat mal klein angefangen und verdient eine faire Chance sich zu beweisen.

#nursessupporttheiryoung #WirFürDiePflege #nurMITeinander


[1] https://gesundheit-soziales.verdi.de/themen/fachkraeftemangel/++co++46366b8e-7efd-11e8-86d7-525400423e78

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