9 Gründe, warum Pflegeazubis in der Pandemie keine Abstriche durchführen sollten

28.03.2020(!) „Risikogruppen schützen“ Wir alle kennen die Aussage, wird sie uns jetzt seit fast einem Jahr mantrahaft über alle möglichen Kanäle beigebracht. Was draus geworden ist, zeigt die Statistik des RKI.

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Jan_2021/2021-01-26-de.pdf?__blob=publicationFile

Was da wie falsch gelaufen ist, da gibt es viele Gründe, Diskusionen und Meinungen. Worum es aber hier gehen soll, ist der grandiose Vorschlag von Jens Spahn / Franziska Giffey „Pflegeazubis sollen bei Tests helfen“

Schreiben vom 25.02.2021 an Partner „Ausbildungsoffensive Pflege“

Wir haben Gründe gesammelt, warum das keine gute Idee ist.

1. Ausbildung bedeutet, ausgebildet zu werden

Wie Frau Giffey für ihre „Aktion Konzentrierte Pflege“ festgestellt hat „Auszubildenden von heute sind die Kolleginnen und Kollegen von morgen“

Heißt, die Kolleg*innen von morgen können dann prima (Corona-)Abstriche durchführen & auswerten, das hilft vielleicht bei den manigfaltigen multiresitenten Keimen. Für sonst aber nichts. Dass es für eine professionelle Pflege aber mehr braucht ist klar.

Mit der Ausbildungsoffensive sorgen wir für mehr Nachwuchs für die Branche. Das hilft auch denen, die bereits in der Pflege arbeiten. Denn die Auszubildenden von heute sind die Kolleginnen und Kollegen von morgen.

Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey

2. Ausbildung in der Pflege ist durch den Pflegenotstand eh schon am Limit

Hierzu empfehle ich einmal den Artikel meiner Mitstreiterin Claudi

Fehlende Kapazitäten bei den Praxisanleitung (obwohl festgelegt ist, wieviel Stunden der Ausbildung durch Praxisanleitungen durchgeführt werden müssen!), teilweise keine Praxisanleitungskollegen in den Langzeitpflegeeinrichtungen, keine Zeit im Stationsalltag anzuleiten, Azubis werden als „volle Kraft“ im Dienstplan gezählt usw.

3. Der Schutz der Auszubildende

Von den klassischen Arbeitsschutzverstößen in der Pflege (Spät/Früh-Wechsel, Dienstplanänderungen usw), (sexuelle) Belästigung oder (struktueller, verbaler, körperlicher) Gewalt durch Patienten, Angehörige oder Kolleg*innen mal abgesehen.

Auszubildene sind qua Gesetz vom Umgang mit „Risikogruppe 3: Biostoffe, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen können; die Gefahr einer Verbreitung in der Bevölkerung kann bestehen, doch ist normalerweise eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung möglich“ ausgeschloßen z.B. durch das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG §22, Artikel 6&7)

www.gesetze-im-internet.de

Dazu passend hat der ABAS (Ausschuss für biologische Arbeitsstoffe) am 19.02.2020 SARS-COV-2 als Biostoff der Risikogruppe 3 erklärt und am 02.12.2020 eine Empfehlung über die Testung von Menschen mit fraglicher Infektion mit eben diesem „Biostoff“ veröffentlicht.

https://www.baua.de/DE/Aufgaben/Geschaeftsfuehrung-von-Ausschuessen/ABAS/pdf/SARS-CoV-2_6-2020.pdf?__blob=publicationFile

4. Azubis sind nicht ausreichend in Hygiene & Schutzmaßnahmen geschult

Deswegen heißt es ja „Ausbildung“ & nicht „Ich zeig dir was Bildung“, damit Lehrende anhand eines Curriculums wichtige Inhalte in einer bestimmten Zeit/Umfang vermitteln. Doch selbst nach Vermittlung & im besten Falle noch praktischer Anleitung auf Station – Experte für Fremd-/Eigenschutz gerade beim Umgang mit Biostoffen Gruppe3 (siehe Punkt 3) bedarf es mehr als einer kurzen (und mehr ist nicht zu erwarten im momentanen Chaos) Einweisung.

Ein Procedere, was den Ausführenden befähigen soll, einen Test an einer möglicherweise infektiösen anderen Person durchzuführen – dafür braucht es mehr als eine kurze Einweisung. Experte wird man erst durch Übung, Training (in Ruhe!) & Erfahrung, mit Verknüpfung der theoretischen Inhalte (vgl. Patricia Benner). Allein für das An- & Ausziehen der PSA gibt es seit März aufwendige Handlungsanweisungen.

5. Auszubildene haben das Recht auf Ausbildung ohne Unterbrechung

Nachdem im März 2020 in Panik einige Landesregierung aufgrund der möglichen Überlastung der Krankenhäuser Pflegeschulen „genötigt“ haben alle(!) Azubis ad hoc in die Praxis zu schicken (& die Stationen gar nicht wußten, was sie da sollten) ist die Ausbildung für viele schon einmal unterbrochen worden. Mühsames Auffangen mittels der Lehrenden, aus dem Boden stampfen von Online Unterricht (Digitalisierung ist auch an Pflegeschulen nicht soooo gut gelaufen) sowie eine massiven Unsicherheit der Azubis waren die Folge. Diese Unterbrechung ist noch kaum aufgearbeitet und fraglich auch zum Nachteil der Azubis, da soll es schon wieder zu einer (vermeidbaren) Veränderung in Theorie und Praxis kommen? Was ist mit den zu leistenden Stunden in Fachbereichen? Woher sollen die Stunden kommen, wenn man mühsam gestrickte Pläne jetzt umwirft? Anrechenbar kann ein solcher „Einsatz“ kaum sein.

http://www.pflegeakademie-grafenau.de/ausbildungsinhalte-pfk.html

6. Abbrecherquote in der Pflegeausbildung

30%. Diese Zahl geistert in vielen Fachartikeln herum. Dreißig Prozent! Gründe dafür sind manigfaltig, vorstellbar und mitunter verständlich, wenn man z.B. bedenkt, wie Auszubildende behandelt werden (Siehe Punkt 2). Dazu kommt noch, dass die Anforderungen an Azubis immer weiter runter geschraubt werden, die Anforderungen an die Pflegefachkraft aber immer weiter steigern (schneller, mehr, weiter..). Diese Diskrepanzen zwischen #ehrenpflegas und Wirklichkeit lässt sich nicht schön reden. Sie werden auch jetzt nicht geschützt, sondern werden (wie die gesamte Pflege in Deutschland) als „Verfügungsmasse“ genutzt. Der Bundesverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe findet da deutliche Worte.

Daher lehnen wir es kategorisch ab, unsere Auszubildenden noch stärker als bisher für die lang-jährigen hausgemachten Versäumnisse einer verfehlten Gesundheitspolitik büßen zu lassen.

Schreiben des BLGS an BMG/BMFSFJ vom 26.01.2021

7. Deeskalationsmöglichkeiten für Auszubildene

Was bedeutet es, Tests am Eingang eines Alten-/Pflegeheims zu machen? Spielen wir das Szenario mal durch.

Es bedeutet erstmal, allen(!) Menschen, die das Heim betreten wollen klar zu machen, dass es einen negativen Test braucht. Erste Diskussionen können da schon entstehen – „Ich war gestern negativ[..]Nur kurz hallo sagen[…]ich glaube nicht an dieses Corona..“ usw. Dann der Test. Unangenehm, reizend, wieder vergeht Zeit. Die Getesteten müssen warten („Dauert es noch lange? Warum ist XY vor mir dran?..“). Dann „Positiv“- und jetzt? „Der ist bestimmt falsch.[..]Was haben Sie da gemacht?[…]Ich wollte doch nur kurz rein, ich lass auch die Maske auf..[..]“ Wie deeskaliere ich da? Als Azubi? Kurz eingewiesen in die Abläufe, sonst keine Vorbereitung.

Deeskalationstrainig ist kein Thema, welches im ersten Lehrjahr unterrichtet wird, sondern oft erst im zweiten oder dritten Lehrjahr.

8. Wann wird der „verlorene“ Unterricht wieder aufgeholt?

Es gibt eh zu wenig Lehrende, zu wenig Zeit für den Stoff, ein aufeinander aufbauendes Curruiculum, zu wenig Räumlichkeiten um dann alle gleichzeitig zu unterrichten (mal von den infektiologischen Grundlagen momentan abgesehen). In dem Brief von Spahn/Giffey findet dieses (wie so viele der anderen Probleme) keinen Raum – wird schon schief gehen.

9. Auszubildene sind längst „dienstplanrelevant“

https://www.vdek.com/magazin/ausgaben/2020-02_corona/personalbemessung.html

Wichtiger Punkt am Ende. Ohne Auszubildende in den Einrichtungen würde so mache Versorgungslage noch schlechter sein. Pflegeschlüssel von 1 PFK/40 Patienten ist da vermutlich keine Seltenheit. Was seit Jahren(!) klar ist. Jetzt hier weiter ausdünnen, was soll das bringen? Es ist so kaum möglich, Hygienemaßnahmen einzuhalten. Von der Versorgung mit so Dingen wie Essen, menschlicher Kontakte, pflegerische Interventionen oder Prophylaxen ganz zu schweigen. Das würde den Rahmen sprengen.

Es gibt noch mehr Punkte, die absolut dagegen sprechen Azubis (besonders im 1.Ausbildungsjahr) aus ihre Ausbildung rauszureißen, um die Fehlplanung/Versäumnisse des letzten Jahres zu kitten (Was sie eh schon ausbaden!). Auch wenn Frau Giffey grade noch davon redet, dass das ja ein besondere Notsituation ist – die Notsituation heißt „pflegenotstand und wird von Ihnen, Frau Giffey, nur verwaltet! Wir können froh sein, wenn die Auszubildene nicht alle kündigen nach diesem desaströsen Jahr des Missmanagements und Demütigung für die Pflege in Deutschland.

Also – Schützt die Auszubildene! #protectnurses und passt auf euch auf!

Titelbild von x3 auf Pixabay

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