Blutspenden

Ein Raum in einer Klinik. Einem Blutspender wird gerade die Flexüle gelegt

Gastbeitrag von Nerd Mommy

Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass es sich in dem Beitrag um meine persönliche Sichtweise handelt. Ich erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Des Weiteren bin ich keine Transfusionsmedizinerin und keine Hämatologin, werde also die medizinischen Informationen nur nach bestem Wissen und Gewissen mit dem Hintergrund meiner eigenen Ausbildung darstellen können. Ich bin Fachärztin für Pädiatrie und arbeite seit Jahren auf der neonatologischen bzw. Kinderintensivstation. Aus diesem Grund komme ich regelmäßig in die Situation, „Fremdblutmaterial“ verabreichen zu müssen. Darunter fallen diverse Blutprodukte, in diesem Beitrag der Einfachheit halber aber zumeist „Blutkonserven“ genannt.

Blutspenden retten Leben. Das ist völlig unstrittig. Es gibt chronische Krankheitsverläufe, die eine Transfusion lebensnotwendig machen, sowie akute Erkrankungen, Unfälle oder auch eine geplante oder ungeplante Operation. Soll heißen, es kann wirklich JEDEN von uns treffen. Das heißt aber auch, es besteht eben ein großer Bedarf an Konserven. Leider kann die Medizin bislang keine (korrigiert mich gern, ich habe bislang keine derartigen Studien gelesen) synthetischen Blutprodukte herstellen, so dass für die Deckung des Bedarfes nach wie vor eine Blutspende notwendig ist. Erfreulicherweise gibt es bislang viele freiwillige Spender. Sei es, aus rein moralischem Pflichtgefühl, oder aus monetären Gründen (der ein oder andere von uns hat wohl schon einmal für die „Aufwandsentschädigung“ an manchen Blutspendeeinrichtungen gespendet). Oder, wie ich kürzlich
lernte, um einen Tag Sonderurlaub bei der Bundeswehr zu bekommen.

Völlig egal, Spende ist Spende, und das ist sehr löblich und wir (Mediziner und Patienten) sind zu Dank verpflichtet. In der letzten Zeit scheint es (ich verlasse mich hier auf die Rückmeldung unserer hausinternen Blutbank) zu immer größeren Engpässen zu kommen. Die Gründe hierfür sind mit einiger Gewissheit auch in der derzeitigen Corona-Pandemie zu suchen, allerdings ist es natürlich in dem Moment auch nicht hilfreich, wenn „Enthüllungsreportagen“ von Team Wallraff und Co. veröffentlicht werden, die die Bereitwilligkeit weiter drosseln, da im DRK nun auch ein „Verbrecherverein“ gesehen wird. Ich habe den Bericht nicht gesehen, aber auch ohne das getan zu haben weiß ich, dass das DRK kein Verein von Engeln auf Erden ist. Bislang kann ich aus meiner eigenen Erfahrung aber nur sagen, dass mit den Blutspenden sehr gewissenhaft und patientenorientiert verfahren wird/wurde. Und wer das DRK gern boykottieren möchte, kann ja auf die Unikliniken oder weiteren Anlaufstellen der Region ausweichen.

Mein Tweet, mit der Bitte zum Blutspenden, ist tatsächlich ein Impuls gewesen, der quasi aus der eigenen Not entstanden ist. Wir haben derzeit ein sehr instabiles Kind auf unserer Station, welches fast täglich auf ein, oder mehrere, Konserven angewiesen ist. Gestern habe ich in der Blutbank eine weitere eilige Konserve bestellen wollen, und die Antwort bekommen „Wir haben keine, in Hagen und Breitscheid (DRK West) sind keine kompatiblen Konserven mehr vorhanden. Wir telefonieren bereits quer durch NRW.“ Dazu sei gesagt, dass das Kind keine außergewöhnliche Blutgruppe hat. Da ich nun einige Follower auf Twitter habe, hatte ich den Aufruf gesendet, um vielleicht ein bisschen Aufmerksamkeit zu bewirken, und vielleicht den Ein oder Anderen zum Spenden zu bewegen. Dank zahlreicher Retweets (Danke hierfür!) habe ich auch ein bisschen Reichweite erzeugen können. Allerdings haben mich die Antworten doch ein bisschen nachdenklich gestimmt. Denn der Tenor lautete überwiegend „Ich würde ja spenden, aber ich darf nicht.“ Und das durchaus auch in, sagen wir mal, nicht ganz so freundlichem Tonfall.

Zunächst einmal ein paar grundlegende Informationen. Nicht der Arzt in der Klinik entscheidet über die Zulässigkeit eines Spenders, sondern die Bundesärztekammer. (1) Das ist im Transfusionsgesetz §5.1 klar geregelt (2). Es bringt also wenig, einen akuten Spendeaufruf eines Klinikarztes mit „Dann ändere die Zulassungsbestimmungen zur Blutspende!“ zu kommentieren, denn das können wir nicht. Auch wenn wir wollten. Und das wollen die Meisten von uns, denke ich. Wer die genaue Liste der Ausschlusskriterien einsehen möchte, kann dies problemlos tun (1). Diese Liste kommt auf der Basis einer Risikoanalyse zustande. Hier wird nach Studienlage für bestimmte Vorerkrankungen, Rahmenbedingungen, Bevölkerungsgruppen etc. ein Risikoprofil erstellt. Und um die Sicherheit der Empfänger UND der Spender zu gewährleisten, werden viele Personen entweder temporär, oder in einigen Fällen dauerhaft von der Spende ausgeschlossen. Ein simples Beispiel für den Schutz des Empfängers ist die Infektion. Ist ein gewillter Spender HIV positiv, ist er von der Spende ausgeschlossen, um die Übertragung zu verhindern. Leuchtet ein. Das Argument „Es werden eh alle Konserven getestet“ zieht im Übrigen nur bedingt, da kein Test fehlerfrei ist, und es ein Restrisiko für unentdeckte Infektionen gibt.

Ein Beispiel für den Schutz des Spenders ist die Anämie. Wo kein Blut ist, kann auch keins gespendet werden. Auch soweit einleuchtend. Und dann gibt es einige Punkte, die auf den ersten Blick nicht so einleuchtend erscheinen, es aber mit Kenntnis des Hintergrundes dann doch sind. Die lebenslange Sperrung bei Aufenthalt in den UK zwischen 1980 und 1996 zum Beispiel. Wieso das? Die älteren Generationen werden sich noch an den BSE-Ausbruch dort erinnern. Nun, der Konsum infizierten Tierfleisches steht im Verdacht, bei Menschen die vCJD Erkrankung auszulösen. Diese ist nicht heilbar, hat eine extrem lange Inkubationszeit und endet stets tödlich. Der Krankheitsverlauf ist zudem wirklich furchtbar. In der Theorie könnte also jeder, der während des o.g. Zeitraums in den UK gewohnt hat, diese Krankheit noch in sich tragen, und weitergeben können. Ein Bluttest auf Prionen (Auslöser der Erkrankung) ist derzeit in Erforschung, aber (meines Wissens) noch nicht validiert, und auch nicht massenhaft einsetzbar. Macht also irgendwie dann doch Sinn, wenn man drüber nachdenkt.

Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Streitpunkt. Der Ausschluss von Berufsgruppen (Sexarbeiter*innen) und den sogenannten „MsM“ Homosexuellen mit „sexuellem Risikoverhalten“. MsM in diesem Kontext bedeutet, Männer, die Geschlechtsverkehr mit Männern haben. Der Vollständigkeit halber soll hinzugefügt werden, dass auch Hetero- und Transsexuelle mit „häufig wechselnden Partnern“ oder „sexuellem Risikoverhalten“ ausgeschlossen werden (temporär). Das klingt zunächst einmal nach einem Schlag ins Gesicht für die LGBTQ- Community und wenig nachvollziehbar. Die Frustration in den Tweets ist absolut nachvollziehbar und ich möchte diesen Ausschluss auch in keiner Weise verteidigen. Ich lege großen Wert darauf, dass das klar ist. Ich möchte lediglich das Zustandekommen der Regelung erläutern, nicht entschuldigen. Wie schon erwähnt beruhen die Ausschlüsse auf einer Risikoanalyse. Die Studienlage legt nahe, dass Analverkehr ein höheres Infektionsrisiko für Geschlechtskrankheiten birgt, als vaginaler Verkehr. Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten, so die Theorie, entstehen hier mehr Mikrotraumata, also kleine Gewebeverletzungen, die eine Eintrittspforte für das HI-Virus bilden. Zudem (ich habe keine Studien herausgesucht, berichte also nur, was ich in meiner Virologie-Zeit im Studium gelernt habe) ist die Rate der HIV-positiven in der Gruppe der Homosexuellen Männer wohl höher, als in der Gesamtbevölkerung. Somit verbinden sich in der „MsM“ mit „sexuellem Risikoverhalten“ Gruppe, statistisch gesehen zwei Risiken. Und die Risikoanalyse beschäftigt sich eben genau damit, mit Statistiken und Studien.

Leider wird außer Acht gelassen, dass auch viele Homosexuelle in Langzeitbeziehungen leben, verheiratet sind, monogam und gesundheitsbewusst leben. Das Sexarbeiter sich (meistens) weit häufiger testen lassen und Gesundheitschecks unterziehen, als es der partyfreudige „Normalbürger“ mit wechselnden Sexualpartnern und weniger Gesundheitsbewusstsein tut. Es wird in Schubladen gesteckt, und schwarz-weiß klassifiziert. Und das ist immer schwierig und zu hinterfragen. Es bedarf einer Diskussion, keine Frage. Ein Aufruf zur Abänderung der Ausschlusskriterien. Auch dafür bedarf es Aufmerksamkeit. Das ist sicher. Es muss eine stärkere Lobby für die Betroffenen her, und in der Beratung über die Kriterien Gehör finden. Es sollte niemand bezüglich seiner Sexualität in die moralische Zwickmühle kommen, lügen zu müssen um Spenden zu dürfen. All das unterstützen auch viele von uns Medizinern. Das Blut jedes Menschen ist gleich viel Wert, das glaube ich fest und habe das auch bereits mehrfach so geäußert. Allerdings möchte ich bezüglich meines Tweets von gestern Abend gerne, ohne damit die Wichtigkeit der Thematik zu relativieren, oder böses Blut zu schaffen, Moritz Neumeier zitieren: „Ja. Das ist ein wichtiges Argument. Für eine andere Diskussion.“ Und enden möchte ich mit der Wiederholung meines Aufrufes:

Wer von Euch kann und darf:
Bitte geht Blutspenden. Wir danken Euch von Herzen.

(1)(2)https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-
Ordner/MuE/Richtlinie_Haemotherapie_E_A_2019.pdf
http://www.gesetze-im-internet.de/tfg/BJNR175200998.html
Titelbild: Robert DeLaRosa auf Pixabay

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