Die Pflege ist im Umbruch…

Eine Pflegende in voller Schutzausrüstung, das Faceschild und die Augen sind im Comic-Stil. Um sie herum ein gezeichnetes Fieberthermometer und Abbildungen des Coranavirus

Stürmische Zeiten stehen uns bevor. Irgendwie spürt man es. Und irgendwie hofft man, dass der sich ankündigende Tsunami wirklich über das Land hereinbricht und die notwendige Verwüstung des Gesundheitssystems mit sich bringt. Die Pflege und das Gesundheitssystem brauchen einen Umbruch und zwar einen von Grund auf.

Seit mehr als 2 Jahrzehnten wird nicht nur das System selbst an die Wand gefahren, sondern explizit die Pflege, was wiederum eine Verschlechterung des Systems bedingt. Ein Teufelskreis.

Das konnte man sehen, aber Können ist nicht Wollen und Wollen ist nicht Machen. Die Pflege hat auch in den letzten Jahren immer wieder vor dem Ausverkauf gewarnt. Wir waren und sind die Ersten, die die Auswirkungen von DRG und des Krankenhausfinanzierungsgesetzes zu spüren bekamen.

Wer als Klinik existieren wollte, musste sparen

Und Sparen geht in diesem kostendefizilen System nur noch, wenn man Personal einspart. Personal, das keine Gelder erwirtschaftet. Wer also, platt gesagt, eine besonders schlechte pflegerische Versorgung „verspricht“ bleibt am Markt bestehen.

Das ist absurd. Wer das heute immer noch so verinnerlicht hat, hat nicht begriffen das gerade Pflege kein notwendiges Übel ist, sondern ein Garant dafür, dass man am Markt noch existieren kann. Wer schlechte Pflege garantiert, und vielleicht sogar der Platzhirsch in der Region ist, wird irgendwann die Abwanderung seiner Kunden bemerken.

Wie gesagt, erkennen können ist nicht gleichbedeutend mit wirklich erkennen und dann verknüpft mit dem Willen etwas zu ändern. Und selbst wenn der Wille als PDL vielleicht vorhanden ist, stehen dahinter Aktionäre, andere Geldgeber etc. die die Wirtschaftlichkeit im Auge haben und schwarze Zahlen fordern. Dass das Geschäft mit der Ware „Mensch“ nicht immer nach wirtschaftlichen Aspekten verläuft ist dem teuer eingekauften Manager mit Industriebackground bewusst, aber egal. So weit meine Erfahrungen.

Letztlich ist die Pflege feil geboten worden, wie eine unliebsame Ware, die man ausbeuten muss um Erfolg zu haben. Je unnachgiebiger, desto höher die Attraktivität für den nächsten Klinikverbund, genau diesen abzuwerben um Zucht und Ordnung in den Laden zu bringen.

Und genau DAS war das Prinzip in den letzten beiden Jahrzehnten.

Niemand stand auf.
Niemand sagte etwas.
Alle erduldeten
Alle schwiegen
Man fand Ausreden
Man lies sich erpressen…“Aber die Patienten“.

Die letzten Jahre sind lauter geworden, man emanzipierte sich, man sagte „Nein!“. Das ist ein ganz neues Bewusstsein, mit dem andere beteiligte Berufsgruppen erstmal umgehen müssen. Man war aber noch nicht an dem Punkt, dass der Tropfen das Fass zum überlaufen brachte.

Das erledigte dann Covid und die Politik. Wir waren plötzlich systemrelevant. So systemrelevant, dass man uns eine Anerkennung versprach, Besserungen in Aussicht stellte. Man sagte „Wir haben verstanden!“. Aber dann? Nichts! Es blieb dabei…es blieb bei Versprechungen, bei Hinhaltetaktiken.

Das Arbeitszeitgesetz wurde kurzerhand ausgehebelt, wir „durften“ mehr arbeiten. In einer Zeit wo andere Ländern schon gewarnt hatten, die Arbeitszeit gerade in der Pflege herabzusetzen nicht HOCHZUSETZEN.

Grillenzirpen in der Politik

Man stand im Bundestag und applaudierte für uns. Ich erinnere mich, wie ich das sah und weinte. Nicht weil das so ergreifend war, sondern weil ich wusste, dass es einfach nur gemacht wurde, weil es gerade hip war und erwartet wurde.

Ein Bonus für die Altenpflege wurde ermöglicht. 1500€ sollen es sein. Ich nenne es „Schweigegeld“ nicht anderes! Man weiß, wie genügsam oft die Kollegen in der Altenpflege sind. Die Krankenpflege ging leer aus. Seitdem tut man exakt NICHTS mehr für die Pflege. Nichts seitens der Politik.

Die Solidarität in der Bevölkerung war enorm und wirklich toll. Es zeigte, dass ein Umdenken stattfindet. Es wäre aber jetzt die Zeit gewesen, um aus den Versprechungen Taten folgen zu lassen, damit es eben nicht mehr den Anschein einer modernen Leibeigenschaft noch bestärkt.

Wir waren niemanden etwas schuldig und trotzdem zwang man uns unsere Gesundheit zu riskieren, über Grenzen hinauszugehen und das obwohl man wusste, dass Schutzkleidung rar ist. Das RKI spielte mit und passte die Hygienestandards den Lagern der Kliniken an. Aus Einmalmaterial, was nach Gebrauch verworfen werden sollte, wurde Mehrfachmaterial.

Und auch jetzt geben sie Empfehlungen raus bei „Pflegepersonalmangel“. Ein Witz! Und ein Schlag ins Gesicht! Wir fragen uns ganz ernsthaft: „Was sind wir für euch?“ Ein Ding? Etwas was man benutzen und missbrauchen kann wie man es möchte nur um der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen?“

Nochmal: Wir sind Euch nichts schuldig! Auch nicht weil ich vor 20 Jahren diesen Beruf ergriffen habe. Im Gegenteil! Nach diesen ganzen Tritten und dem ganzen Spott seit ihr uns was schuldig. Und ich meine keinen Lavendelbusch vom Discounter für 6,95€!

Liebe Politik!

Die Pflege gibt sich nicht mehr mit einer „Danksagung“ zufrieden. Wir wollen mehr! Wir wollen das JETZT! Und wir werden das auch kriegen!

Es gibt einen Satz, den ich gerne arroganten Kollegen mitgebe, weil sie meinen Sie haben die Weisheit mit Löffeln gefressen und über mir stehen:

„Du kannst mit mir wachsen, oder an mir zerbrechen! Dazwischen gibt es nichts!“

Aus der stillen Bedrohung durch die Pflege ist eine laute geworden!

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1 Response

  1. Ein riesen Applaus an den Verfasser. Ich komme auch aus der Pflege und finde eine Veränderung zwingend notwendig. Nur hört uns leider keiner.

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